Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte? Äh, NEIN!

Es gibt Sprüche, da denke ich "Ja klar!" - "Logisch!" - "Stimmt!" Ein anderer denkt vielleicht gar nix und nimmt es einfach als gegeben hin.

"Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte" ist so ein Spruch. Ich schaue mir ein Foto an und überlege, puh, wenn ich jetzt alles haarklein beschreiben müsste, was auf dem Bild zu sehen ist...

Andererseits: Kann ich mich bei einem Bild wirklich darauf verlassen, dass es genau die Message rüberbringt, die ich an meine Kunden aussenden möchte?  

Kennen Sie Webseiten die nur aus einem Bild bestehen? Eher nicht, stimmt's? Na gut, Ausnahmen bestätigen die Regel. Irgendjemand zerrt bestimmt nach genügend langer Suche aus den Untiefen des Internets eine solche Page hervor. Und die ist künstlerisch bestimmt waaahnsinnig anspruchsvoll. Oder gerade im Aufbau. Aber – geben Sie es zu – selbst dann steht meist irgendwo hingeklatscht so was ähnliches wie „Hier entsteht gerade der Internetauftritt von Firma xy Schießmichtot“. Also, ich sag's ja...

Was will uns der Künstler damit sagen?


Wir sind uns also einig? Auf eine Homepage gehört auch ein gerüttelt Maß an Text. Oh ja, Bilder können wirken! Aber will ich meine Business-Homepage wirklich nach dem Motto gestalten „Was will uns der Künstler damit sagen?“ Hm, außer ich bin Künstler. Klar, viele Künstler leben davon, dass ihr Publikum ihre Werke selbst interpretiert. Oft legen sie es sogar darauf an. Denn von diesem Spannungsfeld zehren sie. Das ist interessant und funktioniert sicher in diesem Bereich ganz hervorragend. 

Wenn ich jedoch Maurer oder Coach oder Heilpraktikerin bin: Möchte ich, dass meine Kunden, Klienten, Patienten vage im Nebel meiner Website stochern, für was ich denn wohl stehe? Worauf ich spezialisiert bin? Wohl kaum. Meine (potenziellen) Kunden, Klien-, ach, Sie wissen schon, wollen garantiert auf den Punkt erfahren, ob ich ihr Problem für sie lösen kann. Und ob ich es drauf habe. Wenn sie bei mir nicht finden, was sie suchen, sind sie ganz schnell wieder weg.

Verstehen Sie mich nicht falsch – ich finde Bilder klasse. Für mich gehören optische Elemente unbedingt zur Unternehmenskommunikation. Klar, auch auf der Homepage. Denn ich bin, wie ca. 40% meiner Mitbevölkerung, eine visuelle Typin. Das heißt aber noch lange nicht, dass mir das Bild als einzige Information reicht. Denn wenn ich etwas höre oder lese - oder bloß ertaste! -, ploppt sofort ein klares, buntes, scharfes Bild dazu in meinem Kopf auf. Ich kleckse mir also auf Basis von diversen Informationen meine eigenen Bilder im Gehirn zusammen. Und zwar unterbewusst.

Kino im Kopf

Dass es funktioniert, beweisen die Millionen von Romanen, die täglich auf Sofas, in Betten oder auf Klobrillen verschlungen werden. Wenn zum Beispiel ein Bestseller verfilmt wird, reagieren wir oft enttäuscht: „Den Hauptdarsteller hatte ich mir im Buch ganz anders vorgestellt!“ Bücher sind Kopfkino. Wenn wir zu wenige Informationen bekommen, basteln wir uns automatisch selbst fehlende Elemente dazu. 

Ich habe mal ein Buch gelesen, in dem die Hauptperson, sie hieß Mike, im ersten Kapitel noch nicht näher beschrieben wurde. Mein Gehirn half freundlicherweise aus und skizzierte einen sportlichen, gutaussehenden, blonden Kerl Mitte Dreißig. Im zweiten Kapitel stellte sich plötzlich heraus: Der Typ war knapp vor der Rente, hatte einen Bauchansatz, schütteres Haar und rauchte wie ein Schlot. Tja. Mein Gehirn machte einen auf Queen, war not amused und weigerte sich ziemlich lange, den guten Mike für mich mit dem korrekten Aussehen zu hinterlegen. Immer wieder rutschte der junge Blonde dazwischen. Das Buch hat mir irgendwie nicht gefallen.

Wenn Sie also möchten, dass Ihre potenziellen Kunden auf Ihre Angebote anspringen, seien Sie klar in Ihren Aussagen. Hoffen Sie nicht darauf, dass der Kunde schon versteht was Sie meinen. Und malen Sie ruhig Bilder mit Ihren Texten. Emotionale Bilder sind übrigens noch besser. Die bleiben nachhaltiger haften.

Trotzdem gehören natürlich Fotos, Grafiken und so weiter auf Ihre Homepage. Aber eben auch gute, aussagekräftige Texte! Es müssen noch nicht mal 1.000 Wörter am Stück sein.

Ich weiß, ich weiß... als Texterin ich bin voreingenommen. Ein Fotograf würde hier vielleicht anders argumentieren. Ist mir aber echt gerade völlig egal!



Stefanie Spengel